Katalin Karikó trifft medf3: Von wissenschaftlichen Rückschlägen zur Nobel-würdigen Vision

Wer nichts zu verlieren hat, wird furchtlos.

Diese Aussage fasst mehr zusammen als nur eine motivierende Weisheit – sie beschreibt eine Lebensphilosophie, die Katalin Karikó, Nobelpreisträgerin 2023, durch Jahrzehnte von Zweifeln, akademischen Widerständen und wissenschaftlichen Rückschlägen geleitet hat. Im Dialog mit den Mitgliedern von medf3 wurde deutlich: Die beeindruckendste Eigenschaft dieser Forscherin ist nicht primär ihr technisches Genie, sondern ihre  Begeisterung für ihre Arbeit – trotz eines Systems, das sie häufig ausstoßen wollte.

Foto: Swen Pförtner, Kommunikation & Medien, Max-Planck Institute of Multidisciplinary Sciences

Die Entdeckung, die der Zeit voraus war

2023 erhielten Katalin Karikó und Drew Weissman den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für eine Entdeckung, die 2005 veröffentlicht wurde. Sie zeigten, dass durch Nukleosid-Modifikation die Immunogenität von RNA unterdrückt werden kann.

Diese Erkenntnis war die Lösung für eines der größten Probleme der mRNA-Forschung: Synthetische RNA provozierte heftige Entzündungsreaktionen im Körper, was ihre therapeutische Nutzung unmöglich machte. Karikó und Weissman haben diese Hürde eliminiert – und damit die Tür zu einer völlig neuen Klasse von Arzneimitteln und Impfstoffen geöffnet.

Der Weg zur mRNA-Therapie: Ein Klassiker der Wissenschaftsgeschichte

Das Faszinierende an Karikós Karriere ist nicht nur die Qualität ihrer Forschung, sondern die Widerstände, die sie überwinden musste, um diese Forschung überhaupt durchführen zu können:

Sie wurde in der akademischen Welt regelrecht ausgelacht. An ihrer Universität wurde sie zurückgestuft. Ihr drohte sogar die Ausweisung aus den USA. Finanzierung für ihre Forschung war chronisch knapp. Die wissenschaftliche Community hielt mRNA-basierte Therapeutika lange für unrealistisch – noch 1989 sagte ein Pionier der RNA-Industrie: „Wenn Sie mich damals gefragt hätten, ob man einem Menschen RNA als Impfstoff injizieren kann, hätte ich Ihnen den Vogel gezeigt.“

Und doch: Sie gab nicht auf. Sie behielt ihre Vision. Sie arbeitete weiter. Sie experimentierte. Sie publizierte – nicht immer in den renommiertesten Journals, aber dort, wo ihre Erkenntnisse hingehörten. Ihre Ideen waren ihrer Zeit voraus, und das bedeutete oft: Sie wurden nicht dort gesehen, wo sie hätten gesehen werden sollen.

Die Botschaft für die nächste Generation

Im Gespräch mit medf3 vermittelte Karikó eine zentrale Erkenntnis, die jede junge Wissenschaftlerin und jeden jungen Wissenschaftler betreffen sollte:

Wirklich gute Ideen resultieren nicht immer in Publikationsmetriken oder Forschungsgeldern.

Das ist eine radikale Aussage in einer Welt, die wissenschaftlichen Erfolg oft an Zitationen, H-Indizes und bewilligten Fördersummen misst. Sie plädiert für einen anderen Weg: Für den Mut, an einer Idee festzuhalten, auch wenn sie nicht belohnt wird. Für die innere Überzeugung, dass Wahrheit und wissenschaftliche Integrität wichtiger sind als ihre unmittelbare akademische oder finanzielle Anerkennung.

Gleichzeitig betont sie die Bedeutung von mentaler und physischer Resilienz – der Fähigkeit, die Tiefs zu durchstehen, die jede Wissenschaftlerkarriere mit sich bringt. Sie spricht von einer Resilienz, die nicht angeboren sein muss, sondern durch Erfahrung und durch die Kultivierung einer Leidenschaft für die Sache selbst aufgebaut wird.

Die Vision: Ein nie endender Weg zum Verstehen

Am Ende eines Gespräches fragte man Karikó nach ihren weiteren Visionen. Ihre Antwort war charakteristisch bescheiden und gleichzeitig grenzenlos ambitiös:

Das Ziel ist immer noch, die grundlegenden Dinge der Natur zu verstehen.

Nicht Ruhm. Nicht Reichtum. Nicht die nächste Award-Zeremonie. Sondern die fundamentale Neugier – das Streben danach, die biologischen Mechanismen, die Leben ermöglichen, besser zu verstehen.

Das ist vielleicht die wichtigste Lektion aus Karikós Karriere: Echte wissenschaftliche Großleistungen entstehen nicht aus dem Streben nach Anerkennung, sondern aus dem unerschütterlichen Wunsch, die Welt zu verstehen. Alles Weitere – die Nobelpreise, die lebensrettenden Impfstoffe, die globale Wirkung – sind die natürliche Konsequenz dieser Grundhaltung.

Für die nächste Generation

Für junge Forschende gilt: Eure besten Ideen müssen nicht sofort von der Welt anerkannt werden. Sie müssen nur wahr sein und auf soliden wissenschaftlichen Grundlagen ruhen. Wenn ihr an ihnen festhaltet, wenn ihr die Resilienz aufbringt, die Rückschläge zu überstehen, wenn ihr euch nicht von Publikationsdruck und Karrierezwängen entmutigen lasst – dann werden sie irgendwann ihre Zeit haben.

Foto: Swen Pförtner, Kommunikation & Medien, Max-Planck Institute of Multidisciplinary Sciences

Katalin Karikó hat das bewiesen. Zunächst wurde sie verlacht. Dann hat sie die Welt verändert.

Foto: Jana Zschüntzsch